Unternehmensbewertung Familienunternehmen: Jenseits der Multiples

Dr. Raphael Nagel (LL.M.), Founding Partner Tactical Management, zu Unternehmensbewertung Familienunternehmen
Dr. Raphael Nagel (LL.M.), Founding Partner, Tactical Management
Aus dem Werk · GENERATIONENERBE

Wie man Familienunternehmen richtig bewertet: Jenseits von EBITDA-Multiples und Quartalskennziffern

# Wie man Familienunternehmen richtig bewertet: Jenseits von EBITDA-Multiples und Quartalskennziffern

Die Diskussion um die Bewertung von Familienunternehmen leidet seit Jahren an einem methodischen Missverständnis. Die Werkzeuge, mit denen sie bewertet werden, stammen aus einer Welt, deren Logik sie nicht teilen. EBITDA-Multiples, DCF-Modelle mit Fünfjahreshorizont, Peer-Group-Analysen gegen börsennotierte Vergleichsfirmen: Das ist das Instrumentarium einer Kapitalmarktökonomie, die Geschwindigkeit, Liquidität und Standardisierung belohnt. Familienunternehmen agieren auf einer anderen Zeitachse. Ihre Substanz entsteht dort, wo diese Modelle aufhören zu messen. Wer sie mit den Kategorien der Börse bewertet, wird sie entweder zu niedrig ansetzen, weil ihre Ertragslogik in Quartalen unsichtbar bleibt, oder zu hoch, weil man ihnen Multiples zuschreibt, die ihrer eigenen Struktur widersprechen. In beiden Fällen trifft die Zahl nicht die Wirklichkeit. Im anstehenden größten Eigentümerwechsel der europäischen Nachkriegsgeschichte ist diese methodische Frage keine akademische Randnotiz, sondern eine volkswirtschaftliche Verantwortung.

Die Grenze des Standardmodells

Das klassische Bewertungsverfahren geht von einer Prämisse aus, die für Kapitalgesellschaften näherungsweise zutrifft und für Familienunternehmen irreführend ist: der Annahme, dass Ertragskraft und Substanz in den Zahlen der letzten drei bis fünf Jahre ausreichend abgebildet seien. Ein EBITDA-Multiple fasst eine Momentaufnahme zusammen, gewichtet sie mit einem Vergleichsfaktor und liefert einen Preis. Diese Methode funktioniert, wenn das Unternehmen sein Ertragsprofil aus einem weitgehend standardisierten Marktumfeld bezieht. Sie versagt, wenn die entscheidenden Werttreiber außerhalb der bilanziellen Oberfläche liegen.

In eigentümergeführten Häusern ist genau das der Regelfall. Ein Teil der Ertragskraft entsteht aus Investitionen, die in den Zahlen nur als Kosten erscheinen: Ausbildungsprogramme, deren Ergebnis zehn Jahre später sichtbar wird; Forschungsprojekte, deren Produkte in die dritte Generation reichen; Lieferantenbeziehungen, die in Knappheitszeiten zur wichtigsten Versicherung werden. Das Standardmodell kürzt diese Posten als Aufwand und verkennt, dass es sich um angesammeltes Kapital handelt, nur eben in einer Form, die kein Wirtschaftsprüfer testieren kann.

Dr. Raphael Nagel (LL.M.) hat in seinem Buch Generationenerbe den Punkt präzise formuliert: Die Überlegenheit dieser Häuser ist nicht operativer, sondern zeitlicher Natur. Wer sie im Jahresraster bewertet, misst sie mit einem Maßstab, der ihrer Konstruktion fremd ist. Die Bewertung muss die Zeitachse, auf der diese Unternehmen gebaut wurden, in die Methodik zurückholen.

Vertrauenskapital als impliziter Posten

Der erste nicht bilanzierte Werttreiber ist das, was im engeren Sinne Vertrauenskapital heißt. Lieferanten, die einem langjährigen Partner in Krisenzeiten Material reservieren. Hausbanken, die Tilgungen strecken, weil sie das Geschäftsmodell über Jahrzehnte kennen. Mitarbeiter, die in der zweiten oder dritten Generation im selben Werk arbeiten und ein Wissen weitergeben, das in keinem Schulungshandbuch steht. Kunden, die eine Preiserhöhung akzeptieren, weil das Unternehmen seit dreißig Jahren liefert.

Diese Posten wirken weich, bis sie hart werden. In den Krisen der letzten zwei Jahrzehnte haben sie regelmäßig den Unterschied zwischen Überleben und Notverkauf ausgemacht. Ein Unternehmen, das in der Rezession drei Monate länger Zeit hat, weil seine Stakeholder mitziehen, hat in der Bilanz nichts Besonderes, in der Realität aber einen Vorsprung, der ganze Marktanteilsverschiebungen begründet. Dieses Kapital ist im Verkaufsfall nicht gratis. Es hat einen Preis, und er gehört in jede seriöse Bewertung.

Methodisch heißt das: Der Bewertende muss den Bestand an Stakeholder-Loyalität rekonstruieren, bevor er einen Faktor auf das EBITDA legt. Wie lange bestehen die Lieferantenbeziehungen im Durchschnitt? Wie stabil ist die Kundenbasis über einen kompletten Zyklus? Welche Fluktuation zeigt die Stammbelegschaft? Welche Position hält das Unternehmen bei seiner Hausbank nach drei Rezessionen? Diese Indikatoren sind erhebbar, sie sind nur nicht Teil der üblichen Due Diligence. Sie müssen es werden.

Zyklusstabilität statt Jahreszahl

Das zweite Defizit der Standardbewertung liegt im Betrachtungszeitraum. Wer ein Familienunternehmen über drei Jahre analysiert, sieht einen Ausschnitt. Wer es über zwanzig Jahre analysiert, sieht die Substanz. Die entscheidende Kennziffer ist nicht die Marge des letzten Geschäftsjahres, sondern die Marge über einen vollständigen Konjunkturzyklus, einschließlich der tiefsten Rezessionsphase. In dieser Perspektive verschieben sich die Verhältnisse dramatisch. Der hochgehebelte Konkurrent, der im Aufschwung beeindruckt, verliert im Abschwung Substanz. Der konservativ finanzierte Mittelständler, der im Aufschwung langweilig wirkt, kauft in der Krise zu.

Die Eigenkapitalquote, die in der Kapitalmarktlogik als verschwendete Renditechance gilt, ist in dieser Perspektive ein eingepreister Optionswert: die Option, in der Krise nicht verkaufen zu müssen, sondern kaufen zu können. Diese Option hat einen Wert, und sie gehört in die Bewertung. Ein Unternehmen mit fünfzig Prozent Eigenkapital und einer Bankbeziehung von vierzig Jahren trägt ein anderes Risikoprofil als ein Unternehmen mit zwanzig Prozent und rotierenden Gläubigerbanken, auch wenn beide dasselbe EBITDA produzieren.

Die praktische Konsequenz für Banker und Investoren: Die Bewertung muss Zykluslogik einbauen. Normalisierte Ergebnisse über zehn bis fünfzehn Jahre, Stressszenarien, die sich an realen Rezessionen von 2008, 2020 und 2022 orientieren, und eine Gewichtung der Eigenkapitalreserve als antizyklische Handlungsreserve. Ein Multiple ohne diese Arbeit ist eine Zahl ohne Gehalt.

Forschungstiefe und stille Technologie

Ein dritter häufig unterschätzter Posten ist die Forschungstiefe. Viele eigentümergeführte Häuser finanzieren Entwicklungsprojekte mit Horizonten von zwölf bis zwanzig Jahren. In den Bilanzen erscheinen diese Programme als laufender Aufwand. In der Substanz des Unternehmens sind sie die Grundlage der Wettbewerbsposition in der übernächsten Produktgeneration. Ein börsennotierter Vorstand unter Kapitalmarktdruck hätte diese Programme längst gekürzt. Der Eigentümer, der seinen Kindern ein intaktes Unternehmen übergeben will, hält sie durch. Das ist kein Sentiment, sondern der eigentliche Grund dafür, dass bestimmte deutsche, österreichische und schweizerische Weltmarktführer in ihren Nischen seit Jahrzehnten kaum angreifbar sind.

Die Bewertung muss diese Forschungstiefe als implizites Anlagevermögen erfassen. Dazu gehört eine technologische Due Diligence, die nicht nur laufende Patente zählt, sondern die Entwicklungsroadmap, die Verankerung der Forschungskultur in der Organisation und die personelle Kontinuität der Schlüsselingenieure prüft. Ein Haus, dessen Cheftechnologe seit fünfundzwanzig Jahren da ist und dessen Nachfolge geregelt ist, trägt ein anderes Substanzprofil als ein Haus, in dem das Know-how an drei Köpfen hängt, die alle über sechzig sind.

Eine verwandte Frage ist die der Fertigungstiefe. Der Mittelstand hat in vielen Segmenten bewusst nicht outgesourct, was andere Konkurrenten verlagert haben. Diese Entscheidung hat in den Zahlen der Aufschwungjahre wie eine Ineffizienz ausgesehen. In den Lieferkettenbrüchen der Jahre 2021 bis 2023 hat sie sich als strukturelle Überlegenheit erwiesen. Auch hier gilt: Was in der Schönwetterbilanz als Kostenblock erscheint, ist im Krisenfall ein Asset, das bewertet werden muss.

Der Name an der Tür als Governance-Faktor

Ein vierter Posten, der in keinem Multiple auftaucht und dennoch bewertungsrelevant ist, ist die Governance-Wirkung des Namens. Wer unter eigenem Namen wirtschaftet, externalisiert Fehler schlechter. Die soziale Einbettung der Eigentümerfamilie in ihre Region wirkt als Disziplinierungsmechanismus, den kein Compliance-System erreicht. Das schlägt sich in einer geringeren Häufigkeit von Reputationsschäden, einer stabileren Rechtsrisiko-Position und einer anderen Qualität der Kundenbindung nieder. Auch das ist eingepreist, nur nicht in der Zeile, die der Bewerter gewohnt ist.

Die methodische Antwort lautet: Der Bewertende muss die Governance-Architektur der Familie selbst prüfen. Existiert eine Familienverfassung? Wie ist die Gesellschafterstruktur in der aktuellen und der kommenden Generation organisiert? Gibt es ein institutionelles Regelwerk für den Konfliktfall? Ein Haus, das diese Fragen geklärt hat, ist werthaltiger als ein Haus, in dem zwölf Cousins ohne Gesellschaftervertrag über die Zukunft entscheiden sollen. Die Qualität der Familiengovernance ist ein Faktor, der den Multiple rechtfertigt oder ihn untergräbt.

Dr. Raphael Nagel (LL.M.) weist in diesem Zusammenhang auf einen oft übersehenen Punkt hin: Das Risiko der dritten Generation beginnt nicht in der dritten Generation, sondern in der zweiten. Wer ein Unternehmen in einer Übergangsphase bewertet, bewertet implizit die Arbeit, die in der Vorgängergeneration geleistet oder versäumt wurde. Die Bewertung ist damit auch eine Lesung der Familiengeschichte.

Konsequenzen für Banker und Investoren

Für die kommenden Jahre, in denen sich der größte Eigentümerwechsel der europäischen Nachkriegsgeschichte vollzieht, ergeben sich aus diesen Überlegungen konkrete Konsequenzen. Banken, die Akquisitionen finanzieren, müssen ihre Kreditprüfung um eine Stakeholder-Analyse erweitern, die über Finanzkennzahlen hinausgeht. Private-Equity-Häuser, die Mittelstandsbeteiligungen prüfen, müssen lernen, dass die Überrendite dieser Häuser nicht aus operativen Hebeln, sondern aus Kontinuität stammt, und dass ihr übliches Handbuch aggressiver Margenausweitung die eigentliche Substanz zerstört, die sie kaufen wollten.

Strategische Investoren, die aus Konzernstrukturen heraus übernehmen, müssen sich darüber klar werden, dass die Integration eines Familienunternehmens in Konzernprozesse in aller Regel wertvernichtend wirkt. Was in der Konzernkultur als Professionalisierung erscheint, wirkt im übernommenen Haus als Erosion des Vertrauenskapitals. Die klügsten Übernehmer dieser Dekade werden jene sein, die den Kaufpreis nicht durch Effizienzprogramme rechtfertigen, sondern durch die Bereitschaft, die Struktur, die sie erworben haben, in ihrer Eigenart fortzuführen.

Für die Bewertungspraxis selbst folgt daraus ein ernüchterndes Fazit: Der Multiple ist eine Startzahl, nicht das Ergebnis. Die eigentliche Arbeit liegt in den Anpassungen, die aus den oben genannten Kategorien folgen. Ein seriöses Bewertungsgutachten eines Familienunternehmens umfasst nicht fünfzehn, sondern eher achtzig Seiten. Es enthält neben den klassischen Finanzmodellen eine Stakeholder-Map, eine Zyklusanalyse, eine Forschungstiefen-Prüfung und eine Governance-Bewertung. Erst die Synthese dieser Ebenen ergibt einen Wert, der etwas mit dem zu tun hat, was tatsächlich verkauft wird.

Die Frage, wie man Familienunternehmen richtig bewertet, ist am Ende eine Frage der intellektuellen Redlichkeit. Wer weiß, dass diese Häuser auf einer anderen Zeitachse operieren, darf sie nicht auf einer fremden Achse messen. Wer weiß, dass ihr wichtigstes Kapital nicht in der Bilanz steht, darf sich nicht auf die Bilanz beschränken. Wer weiß, dass ihre Substanz über Generationen entstanden ist, darf sie nicht in einem Dreijahresfenster einfangen wollen. Die Standardmodelle sind nicht falsch, aber sie sind unvollständig, und ihre Unvollständigkeit wird in der kommenden Dekade sehr viel Geld kosten, entweder in Form von Unterbewertungen zu Lasten der verkaufenden Familien oder in Form von Überbewertungen zu Lasten der übernehmenden Investoren. Beide Fehler wären vermeidbar. Sie setzen allerdings voraus, dass die Bewertungskultur in Banken, Beratungshäusern und Investmentgesellschaften bereit ist, den methodischen Preis einer ehrlicheren Arbeit zu zahlen. Dieser Preis ist Zeit, Tiefe und die Bereitschaft, sich mit Unternehmen zu beschäftigen, deren Logik nicht in den üblichen Spreadsheets sichtbar wird. Wer einen alternativen Bewertungsrahmen sucht, findet ihn nicht in einer neuen Formel, sondern in einer anderen Haltung. Diese Haltung beginnt mit dem Respekt vor der Zeit, die in den stillen Häusern dieses Kontinents gearbeitet hat, und sie endet bei der Einsicht, dass eine Zahl, die diese Zeit nicht erfasst, kein Wert ist, sondern eine Meinung. Die Unternehmerfamilien Europas verdienen Bewerter, die den Unterschied kennen.

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Author: Dr. Raphael Nagel (LL.M.). Biografie