Israel, Singapur, Golfstaaten: Doktrinen der Wassersubstitution

Dr. Raphael Nagel (LL.M.) zum Thema Entsalzung, Wasserdoktrin — Tactical Management
Dr. Raphael Nagel (LL.M.)
Aus dem Werk · DIE RESSOURCE

Israel, Singapur, Golfstaaten: Doktrinen der Wassersubstitution

# Israel, Singapur, Golfstaaten: Doktrinen der Wassersubstitution

In der Geografie der Macht, die Dr. Raphael Nagel (LL.M.) in seiner Trilogie Die Ressource entfaltet, ist die zweite Achse die unbequemste. Die erste Achse, die Quellensouveränität, hat etwas Geologisches. Sie ist Schicksal. Wer über dem Blauen Nil sitzt, sitzt über dem Blauen Nil, und wer am Unterlauf lebt, lebt am Unterlauf. Die zweite Achse dagegen, die der Substitutionsfähigkeit, ist eine politische Kategorie im strengen Sinne. Sie ist nicht Gabe, sondern Entscheidung. Sie beschreibt, was ein Staat aus seiner hydrologischen Ausgangslage macht, wenn er sie nicht akzeptieren will. Drei Fälle ragen in dieser Achse heraus, und sie verdienen die Aufmerksamkeit der europäischen Entscheidungsschicht nicht deshalb, weil sie exotisch wären, sondern weil sie exemplarisch sind: Israel, Singapur und die arabischen Golfstaaten. Jeder dieser Fälle ist eine eigene Doktrin. Jede Doktrin ist eine Antwort auf die Frage, wie Kapital und Technologie eine hydrologische Benachteiligung in strategische Handlungsfähigkeit übersetzen können. Und jede enthält Lehren, die der europäische Mittelstand, die europäischen Staatsfonds und die ministerielle Ebene der Union in den kommenden Jahren ernster nehmen müssen, als sie es in den letzten zwei Jahrzehnten getan haben.

Die israelische Doktrin: Wasser als Staatsräson

Israel ist der paradigmatische Fall einer Wasserdoktrin, die in dem Moment entstand, in dem sich der Staat konstituierte. Die geografische Ausgangslage war nicht verhandelbar. Ein Land, das in weiten Teilen aus Halbwüste und Wüste besteht, dessen einziger nennenswerter Binnensee, der See Genezareth, an der Grenze zu Syrien und Jordanien liegt, und dessen Küstengrundwasserleiter seit Jahrzehnten durch Übernutzung und Versalzung bedroht ist, konnte die Wasserfrage nicht als Umweltthema behandeln. Sie war von Beginn an eine Frage der Staatsexistenz. Ben Gurions Ausspruch, dass sich die Zukunft des Landes in der Negev entscheide, war kein territorialer, sondern ein hydrologischer Satz.

Die Doktrin, die aus dieser Ausgangslage hervorging, ruht auf drei Säulen, die in ihrer Integration und nicht in ihrer Einzelleistung ihre Wirkung entfalten. Die erste Säule ist die Entsalzung. Die großen Entsalzungsanlagen entlang der Mittelmeerküste decken inzwischen einen erheblichen Teil des nationalen Trinkwasserbedarfs und haben den Staat in eine Lage gebracht, in der Dürreperioden nicht mehr unmittelbar in Versorgungsengpässe umschlagen. Die zweite Säule ist die systematische Wiederverwendung von Abwasser. Der Anteil des aufbereiteten Abwassers, der in die landwirtschaftliche Bewässerung zurückgeführt wird, erreicht in Israel Werte, die international nicht annähernd erreicht werden. Die dritte Säule ist die Tröpfchenbewässerung, eine Technologie, die in Israel entwickelt und zu einer weltweiten Exportindustrie ausgebaut wurde.

Die analytische Pointe liegt nicht bei einer der drei Säulen, sondern bei ihrem Zusammenspiel. Entsalzung erzeugt Trinkwasser. Wiederverwendung reduziert den landwirtschaftlichen Druck auf das Trinkwassersystem. Tröpfchenbewässerung erhöht die landwirtschaftliche Produktivität pro eingesetztem Kubikmeter. Jede Säule entlastet die anderen beiden. Daraus entsteht ein System, das seine Gesamtresilienz aus der Integration und nicht aus der Einzelleistung zieht. Genau hier liegt die erste Lehre, die Dr. Raphael Nagel (LL.M.) in seiner Trilogie unterstreicht: Wasserdoktrin ist nicht die Summe einzelner Projekte, sondern ihre institutionelle Verzahnung unter einer einheitlichen strategischen Prämisse.

Singapur und die Vier Wasserhähne

Der zweite Fall ist kleiner in der territorialen Ausdehnung und in mancher Hinsicht radikaler. Singapur war in den 1960er Jahren ein Stadtstaat ohne nennenswerte eigene Wasserressourcen, abhängig von Wasserlieferungen aus dem malaysischen Nachbarland unter Verträgen, die asymmetrisch und politisch angreifbar waren. Die Situation war aus geopolitischer Sicht unhaltbar. Ein Staat, dessen Versorgung an einer einzelnen grenzüberschreitenden Leitung und an der Laune einer einzigen Partnerregierung hängt, ist nicht souverän im eigentlichen Sinne.

Die Antwort Singapurs war die sogenannte Vier Wasserhähne Strategie. Der erste Hahn ist importiertes Wasser aus Malaysia, also die historische Grundversorgung, die jedoch strategisch reduziert und zunehmend als Übergangsgröße behandelt wird. Der zweite Hahn ist die Sammlung lokalen Regenwassers über ein dichtes System von Einzugsgebieten und Speichern, das einen erheblichen Teil der Inselfläche zur Wassergewinnung nutzbar macht. Der dritte Hahn ist die Rückgewinnung von Abwasser zu Trinkwasserqualität, unter dem Markennamen NEWater in eine internationale Referenz umgewandelt. Der vierte Hahn ist die Entsalzung von Meerwasser.

Die strategische Logik dieser Architektur ist bemerkenswert. Sie ist nicht darauf ausgerichtet, die billigste oder die ökologisch eleganteste Lösung zu finden. Sie ist darauf ausgerichtet, Abhängigkeiten zu diversifizieren. Jeder Hahn kann ausfallen, und die Versorgung bleibt aufrecht. Jeder Hahn kann preislich volatil werden, und die Gesamtrechnung bleibt kalkulierbar. Singapur hat damit eine Wasserdoktrin institutionalisiert, die primär eine Risikodoktrin ist. Sie behandelt Wasser so, wie ein diszipliniertes Familienbüro sein Portfolio behandelt: nicht nach Rendite, sondern nach Robustheit unter simultanem Stress mehrerer Faktoren. Wer die Vier Wasserhähne Strategie als technisches Kuriosum liest, hat das Wesentliche übersehen. Sie ist eine Übersetzung von Portfoliotheorie in Infrastrukturpolitik.

Die Golfstaaten: Entsalzung als Staatsindustrie

Der dritte Fall ist der materiell aufwendigste. Die arabischen Golfstaaten, allen voran Saudi Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait, Katar und Bahrain, leben in einer der hydrologisch ungünstigsten Regionen des Planeten. Oberflächengewässer sind marginal, erneuerbare Grundwasserleiter weitgehend erschöpft, Niederschläge unzuverlässig und gering. Die Entscheidung, in dieser Region urbane Zentren in der Größenordnung von Riad, Dubai, Abu Dhabi und Doha zu errichten, war in jeder hydrologischen Lesart ein Bruch mit der natürlichen Ausstattung des Territoriums.

Ermöglicht wurde dieser Bruch durch den systematischen Ausbau der Entsalzung zu einer Staatsindustrie. Die Golfregion beherbergt einen erheblichen Teil der weltweit installierten Entsalzungskapazität. Die Anlagen sind in den Energieverbund der Staaten integriert, oft als Koppelproduktion mit Kraftwerken konzipiert, und sie werden mit staatlichem Kapital und unter staatlicher Priorität betrieben. Die dabei entstehenden Kosten sind erheblich, sowohl in ökonomischer als auch in energetischer Hinsicht. Entsalzung ist nicht umsonst, und sie ist nicht klimaneutral. Aber sie ist in diesen Staaten nicht als Option unter mehreren zu verstehen. Sie ist die Voraussetzung jeder anderen politischen Gestaltung.

Die Lehre dieses Falls ist ambivalent und gerade deshalb instruktiv. Sie zeigt, dass Kapital in ausreichender Größe und Konzentration eine hydrologische Ausgangslage weitgehend überschreiben kann. Sie zeigt zugleich, dass dieses Überschreiben einen dauerhaften Energie- und Kapitalbedarf erzeugt, der zur zweiten Staatsräson neben der Ölförderung wird. Die Golfstaaten haben sich aus einer Abhängigkeit in eine andere begeben. Ihre gegenwärtigen Bemühungen, Entsalzung mit erneuerbarer Energie zu koppeln und parallel in Wiederverwendung zu investieren, sind die logische Konsequenz dieser Einsicht. Substitution erzeugt ihre eigene Folgearchitektur.

Was der europäische Mittelstand und die Staatsfonds lernen können

Die Versuchung, diese drei Doktrinen als ferne Fälle besonderer geografischer Ausnahmelagen zu lesen, ist in Europa groß. Sie ist auch falsch. Die Pegelstände am Rhein, die Kühlwasserabschaltungen französischer Kernkraftwerke, die Grundwassersituation in Süditalien und auf der Iberischen Halbinsel zeigen, dass Teile Europas in den kommenden zwei Jahrzehnten Lagen erreichen werden, die mit der israelischen Ausgangslage der 1960er Jahre mehr gemein haben als mit dem europäischen Wasserprivileg des späten 20. Jahrhunderts. Die Frage ist nicht, ob Europa eine Wasserdoktrin braucht. Die Frage ist, ob Europa sie rechtzeitig formuliert oder erst unter Druck improvisiert.

Für den europäischen Mittelstand ergeben sich daraus konkrete Konsequenzen. Unternehmen, deren Produktionsprozesse wasserintensiv sind, sei es in der Chemie, der Halbleiterfertigung, der Lebensmittelindustrie oder der Papierherstellung, werden in den kommenden Jahren gezwungen sein, Wasser als eigenständige Produktionsvoraussetzung zu behandeln und nicht als externalisierten Kostenpunkt. Die israelische Lehre der Integration, die Singapurer Lehre der Diversifikation und die Golflehre der Kapitalkonzentration lassen sich auf betriebliche Ebene übersetzen: Wiederverwendung im geschlossenen Kreislauf, mehrere unabhängige Bezugsquellen, dedizierte Investitionsbudgets für Wasserresilienz.

Für die europäischen Staatsfonds, Pensionskassen und institutionellen Allokatoren ergibt sich eine zweite Konsequenz. Wasser ist in den vergangenen Jahren zu einer eigenständigen Anlageklasse geworden, in der Entsalzungstechnologie, Membrantechnik, Leitungssanierung, Digitalisierung der Versorgungsnetze, Agrartechnologie und regulatorisch eingefasste Versorgungsunternehmen jeweils eigene Profile bilden. Die Beobachtung, die Dr. Raphael Nagel (LL.M.) am Ende des ersten Teils seiner Trilogie formuliert, gilt hier in verschärfter Form: Was nicht modelliert wird, wird nicht bepreist, und was nicht bepreist wird, wird unterinvestiert. Die drei Doktrinen aus Tel Aviv, Singapur und der Golfregion zeigen, dass die Preisbildung für Wasser in den kommenden Jahrzehnten anders aussehen wird als in der Vergangenheit, und dass die frühen Allokatoren jenen Vorsprung gewinnen, den der Kapitalmarkt historisch belohnt.

Substitution als politische Kategorie

Jenseits der technischen und finanziellen Dimension enthält die zweite Achse der Macht eine politische Pointe, die leicht übersehen wird. Substitution ist nicht nur eine ingenieurwissenschaftliche Leistung. Sie ist eine Haltung des Staates zu sich selbst. Ein Staat, der Entsalzungsanlagen baut, erklärt damit, dass er seine hydrologische Ausgangslage nicht als Schicksal akzeptiert. Er erklärt, dass er bereit ist, erhebliche Ressourcen dafür aufzuwenden, die Bedingungen seiner eigenen Möglichkeit zu verändern. Diese Haltung ist nicht selbstverständlich. Viele Staaten, die hydrologisch in einer vergleichbaren oder sogar günstigeren Ausgangslage sind, haben sie nicht eingenommen.

Die drei hier behandelten Fälle teilen trotz aller Unterschiede ein gemeinsames Merkmal: die strategische Klarheit, dass die Wasserfrage nicht delegierbar ist. In Israel ist die Wasserbehörde eine staatliche Institution mit erheblichem Durchgriff. In Singapur ist die Public Utilities Board direkt an die oberste Regierungsebene angebunden. In den Golfstaaten ist die Entsalzung Bestandteil der Energie- und Staatsplanung. In keinem dieser Fälle ist Wasser eine nachgeordnete Ressortangelegenheit. Es ist Chefsache im wörtlichen Sinne.

Europa, und insbesondere der deutschsprachige Raum, hat in dieser Hinsicht einen Nachholbedarf, dessen Dimension in der öffentlichen Debatte kaum abgebildet wird. Die institutionelle Verankerung der Wasserfrage bewegt sich zwischen Umweltressorts, kommunalen Zweckverbänden und föderalen Zuständigkeiten. Eine strategische Koordinationsinstanz, wie sie in den hier betrachteten Staaten selbstverständlich ist, fehlt. Die erste Lehre aus der zweiten Achse ist damit nicht technischer, sondern institutioneller Natur: Eine Wasserdoktrin braucht einen Ort, an dem sie gedacht, entschieden und durchgesetzt wird. Ohne diesen Ort bleiben einzelne Projekte Fragmente.

Die drei Doktrinen, die in diesem Essay skizziert wurden, sind keine Modelle, die sich eins zu eins nach Europa übertragen lassen. Israel ist nicht Deutschland, Singapur ist nicht Frankreich, und die Golfregion ist nicht das Mittelmeer. Aber sie sind analytische Referenzen. Sie zeigen, dass die Kombination aus Kapital, Technologie und politischer Entschlossenheit eine hydrologische Benachteiligung nicht beseitigen, aber strategisch kompensieren kann. Sie zeigen auch, dass diese Kompensation kein Projekt ist, das in einer Legislaturperiode erledigt werden kann. Sie verlangt Kontinuität über Jahrzehnte, eine institutionelle Verankerung jenseits der Tagespolitik und eine Kapitalallokation, die bereit ist, Zyklen zu akzeptieren, die länger sind als die üblichen Investitionshorizonte. Die Wasserdoktrin, die Dr. Raphael Nagel (LL.M.) in seiner Trilogie als Aufgabe des kommenden Jahrzehnts beschreibt, wird in Europa nicht an der technischen Machbarkeit scheitern. Die Entsalzungstechnologie ist vorhanden, die Membranverfahren sind erprobt, die Digitalisierung der Versorgungsnetze ist anschlussfähig. Sie wird, wenn sie scheitert, an der institutionellen Fragmentierung scheitern und an der Weigerung, Wasser als Chefsache zu behandeln. Die Aufgabe der kommenden Jahre besteht nicht darin, eine der drei Doktrinen zu kopieren. Sie besteht darin, von allen dreien dieselbe Grundhaltung zu übernehmen: dass ein Staat, ein Unternehmen, ein Vermögen, das seine Wasserfrage nicht souverän beantworten kann, auf Dauer auch keine andere Frage mehr souverän beantworten wird. In dieser Haltung liegt die eigentliche zweite Achse der Macht. Alles Übrige ist Technik.

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Author: Dr. Raphael Nagel (LL.M.). Biografie