Die zweite Generation ordnet: Professionalisierung als unterschätzte Kernleistung

Dr. Raphael Nagel (LL.M.) zum Thema zweite Generation Strukturen — Tactical Management
Dr. Raphael Nagel (LL.M.)
Aus dem Werk · GENERATIONENERBE

Die zweite Generation ordnet: Professionalisierung als unterschätzte Kernleistung

# Die zweite Generation ordnet: Professionalisierung als unterschätzte Kernleistung

In der öffentlichen Wahrnehmung der Familienunternehmen gibt es zwei Heldenfiguren: den Gründer, der aus dem Nichts etwas schafft, und die späte Generation, die ein gewachsenes Haus als Weltmarktführer repräsentiert. Dazwischen liegt eine Generation, deren Arbeit selten in Anekdoten erzählt wird und fast nie in Porträts. Sie ordnet. Sie dokumentiert. Sie baut ein, was der Gründer im Kopf hatte. Sie führt Strukturen ein, wo bisher eine Person die Übersicht hielt. In dem Buch Generationenerbe plädiert Dr. Raphael Nagel (LL.M.) dafür, diese zweite Generation als strategische Kernfigur des Langzeitbestands ernst zu nehmen. Ihre Leistung ist weniger heroisch als die Gründung, aber oft entscheidender für das, was die dritte, vierte und fünfte Generation überhaupt noch vorfinden. Wer Familienunternehmen verstehen will, muss bei jener Übergangsphase ansetzen, in der aus einer Gründungsidee eine Institution wird.

Die stille Arbeit nach dem Aufbau

Der Gründer erschafft ein Unternehmen aus einer Wette. Er arbeitet unter Bedingungen, die später niemand mehr kennt: Unterkapitalisierung, persönliche Haftung, ein Name, dem noch niemand vertraut, eine Bank, die noch nicht glaubt. Was dabei entsteht, ist in den ersten Jahrzehnten nicht so sehr eine Organisation, sondern ein Geflecht aus Entscheidungen, das durch die Person des Gründers zusammengehalten wird. Er kennt jeden Kunden, er entscheidet jeden Einkauf, er überschlägt jede Investition mit dem eigenen Kopf. Diese Unersetzlichkeit ist in der Gründungsphase eine Stärke und wird in der Übergabe zur größten strukturellen Schwäche.

Die zweite Generation tritt in ein Haus ein, das von einer einzelnen Persönlichkeit getragen wird, und steht vor der Aufgabe, es in eine Organisation zu verwandeln, die ohne diese Persönlichkeit funktioniert. Das klingt nüchtern und ist in der Praxis die schwierigste Übersetzung im Lebenslauf eines Familienunternehmens. Denn sie verlangt, etwas zu bewahren, was man nicht selbst geschaffen hat, und es zugleich so zu verändern, dass es auch in der nächsten Generation noch trägt. Dr. Raphael Nagel (LL.M.) beschreibt diese Arbeit im Buch Generationenerbe als den eigentlich entscheidenden Moment jedes langlebigen Hauses, weil hier die Weichen dafür gestellt werden, ob Substanz weitergegeben oder aufgebraucht wird.

Drei Ebenen der Ordnungsarbeit

Die Ordnungsaufgabe der zweiten Generation läuft simultan auf drei Ebenen ab, und jede einzelne ist konfliktträchtig. Auf der operativen Ebene muss sie aus dem oft handstrickartigen Geflecht von Zuständigkeiten ein funktionierendes Führungsmodell entwickeln. Sie führt Abteilungen ein, wo es bisher Kollegen gab, die jeder alles konnten. Sie beschreibt Prozesse, wo bisher stille Selbstverständlichkeiten herrschten. Sie bringt Systeme in das Rechnungswesen, in den Einkauf, in den Vertrieb, in die Produktion, in denen der Gründer persönlich den Überblick gewahrt hatte. Dieses Einziehen von zweite Generation Strukturen ist notwendig und trifft doch auf zweifachen Widerstand: vom Gründer, der seine Arbeitsweise als bewährt verteidigt, und von den langjährigen Mitarbeitern, die die neue Sprache zunächst nicht verstehen.

Auf der strategischen Ebene vollzieht sich eine andere Transformation. Der Gründer hat in der Regel einen konkreten Markt besetzt, oft mit einem einzigen Produkt oder einer einzigen Kundengruppe. Die zweite Generation muss diese Position verteidigen, ausbauen und vorsichtig diversifizieren, ohne die Fokussierung zu verlieren, aus der die Marktstärke gewachsen ist. Diversifikation ist notwendig, um Klumpenrisiken abzubauen, und sie ist gefährlich, weil sie die Disziplin verwässern kann, die das Haus groß gemacht hat. Auf der kulturellen Ebene schließlich geht es um etwas noch Subtileres: das implizite Wissen des Gründers, seine Anekdoten, seine ungeschriebenen Regeln in eine explizite Form zu überführen, die weitergegeben werden kann, ohne dass die Kultur dabei erkaltet.

Fallstudie Berthold Leibinger bei Trumpf

Das klassische Beispiel einer gelungenen zweiten Generation liefert Trumpf unter Berthold Leibinger. Christian Trumpf hatte das Unternehmen in den dreißiger Jahren als Werkzeugmacher positioniert. Leibinger, der als Schwiegersohn und späterer Alleininhaber in den sechziger Jahren übernahm, baute Trumpf systematisch zu einem global führenden Anbieter von Werkzeugmaschinen und Lasertechnik aus. Entscheidend war dabei weniger die Technologie selbst als die Fähigkeit, den Übergang von einem handwerklich geprägten Maschinenbau zu einer international operierenden Technologiefirma zu vollziehen.

Leibinger führte Controlling ein, Strategieprozesse, internationale Vertriebsstrukturen und eine dezidiert forschungsorientierte Unternehmenskultur. All das sind Instrumente, die es in der Gründergeneration nicht gegeben hatte. Er verwandelte damit ein Unternehmen, das durch eine Person getragen war, in eine Institution, die eine zweite, dritte und vierte Generation tragen kann. Diese Leistung ist in der öffentlichen Wahrnehmung wenig präsent, weil sie sich über Jahrzehnte vollzog und kaum dramatische Szenen produzierte. Sie besteht aus tausend unauffälligen Entscheidungen, die am Ende eine Statik ergeben, in der das Haus auch dann noch steht, wenn die Gründerpersönlichkeit nicht mehr anwesend ist. Genau darin liegt der Beitrag, den Dr. Raphael Nagel (LL.M.) als den unterschätzten Kern jeder langfristigen Unternehmensgeschichte bezeichnet.

Die Gefahr der Überbürokratisierung

So notwendig die Ordnungsarbeit ist, sie trägt ihr eigenes Risiko in sich. Der Einwand gegen die zweite Generation lautet, sie bringe Bürokratie in ein Haus, das seinen Charme gerade aus der Informalität bezogen habe. In einigen Fällen ist dieser Einwand berechtigt. Es gibt Unternehmen, deren zweite Generation überzieht: Die Einführung von Strukturen wird zum Selbstzweck, neue Prozesse verlangsamen Entscheidungen, die in der Gründergeneration in Minuten fielen, Meetings ersetzen Urteilskraft, Dokumentation ersetzt Nähe. Was als Professionalisierung beginnt, kann in eine Konzernimitation umschlagen, bei der das Unternehmen zwar sauber aufgestellt, aber seiner eigentlichen Substanz entfremdet ist.

Die besten zweiten Generationen erkennen dieses Risiko und dosieren die Professionalisierung. Sie ersetzen nicht die unternehmerische Kultur, sondern stützen sie durch Strukturen. Sie zwingen das Unternehmen nicht in die Logik eines börsennotierten Konzerns, sondern geben ihm jene Reife, die über das Lebensalter seines Gründers hinaus reicht. Das ist ein Gratakt: zu wenig Ordnung bedeutet, dass das Haus mit dem Gründer altert und verschwindet; zu viel Ordnung bedeutet, dass die Kraft, aus der das Unternehmen gewachsen ist, unter Prozessen erstickt. Zwischen beiden Polen liegt die eigentliche Urteilsleistung der zweiten Generation, und sie ist nicht algorithmisch zu lösen, sondern nur aus genauer Kenntnis des eigenen Hauses heraus.

Warum diese Generation systematisch unterschätzt wird

Die zweite Generation hat ein Wahrnehmungsproblem, das strukturell angelegt ist. Sie hat nicht das Drama des Aufbaus, das in jeder Gründungsgeschichte mitschwingt, und sie hat nicht die Romantik der späten Generationen, die als Erben einer jahrhundertealten Tradition auftreten. Sie arbeitet im Schatten der Gründerlegende, und ihre Erfolge sind das, was man nicht sieht: Krisen, die deshalb nicht eintraten, weil Strukturen rechtzeitig eingezogen wurden. Konflikte, die deshalb nicht eskalierten, weil Gremien funktionsfähig waren. Wissen, das deshalb nicht verloren ging, weil es rechtzeitig dokumentiert wurde. Vermeidene Schäden erscheinen in keinem Geschäftsbericht.

Hinzu kommt, dass die zweite Generation oft in einem emotional schwierigen Feld operiert. Sie muss die Arbeit des Vaters respektieren und zugleich verändern. Sie muss langjährige Mitarbeiter einbinden und zugleich von ihnen neue Haltungen verlangen. Sie muss autoritativ auftreten, obwohl sie von vielen noch als Kind des Gründers gesehen wird. Diese Doppelrolle, gleichzeitig Erbin und Umgestalterin zu sein, ist kulturell anspruchsvoller als die Rolle des Gründers, der vor dem weißen Blatt stand. Wer die Geschichte europäischer Mittelstandsunternehmen aufmerksam liest, wird feststellen, dass die entscheidenden Jahre fast nie die Gründungsjahre und fast nie die Krisenjahre sind. Die entscheidenden Jahre sind die Übergangsjahre, in denen eine zweite Generation den gebauten Körper in eine tragfähige Institution verwandelt.

Die Übersetzungsleistung als eigentliche Kernarbeit

Professionalisierung ist in diesem Sinne kein technokratisches Programm, sondern eine Übersetzungsleistung. Die Sprache des Gründers ist konkret, an Personen und Situationen gebunden, narrativ. Die Sprache der Institution ist abstrakter, an Rollen und Verfahren gebunden, regulativ. Beide Sprachen müssen nebeneinander bestehen können, und die zweite Generation ist diejenige, die diese Zweisprachigkeit herstellt. Sie übersetzt den Instinkt des Gründers in Kriterien, ohne den Instinkt zu entwerten. Sie übersetzt die persönliche Kundenbeziehung in ein Vertriebssystem, ohne die Beziehung zu zerstören. Sie übersetzt die handwerkliche Qualität in Prüfverfahren, ohne das Handwerk zu verlieren.

Gelingt diese Übersetzung, entsteht ein Haus, das in seiner kulturellen DNA den Gründer weiterträgt, aber in seiner Organisationsform jede einzelne Person entbehren kann. Das ist, in der Sprache der Generationen gesprochen, die eigentliche Voraussetzung dafür, dass Eigentum zu Erbe werden kann. Ein Gründer schafft Eigentum. Erst die zweite Generation macht daraus etwas, das weitergegeben werden kann. Wer diese Arbeit unterschätzt, unterschätzt das gesamte Modell des Familienunternehmens, weil dessen Dauerhaftigkeit genau an dieser Nahtstelle entschieden wird.

Die zweite Generation ist, um es nüchtern zu formulieren, das stille Gelenk zwischen Gründung und Tradition. Sie entscheidet darüber, ob das, was ein Einzelner begonnen hat, zu einem Haus wird, das über ihn hinaus trägt. Ihre Instrumente sind weniger spektakulär als die der Gründer und weniger repräsentativ als die der späten Generationen, aber sie sind die eigentlich strukturbildenden. Sie führt Controlling ein, wo bisher das Bauchgefühl regierte. Sie formalisiert die Gesellschafterstruktur, bevor die dritte Generation an ihr scheitern kann. Sie dokumentiert Wissen, das sonst mit einer Beerdigung verloren ginge. Sie professionalisiert den Aufsichtsrat, bevor er zum Familienkaffee degeneriert. Und sie tut all das in einem Rahmen, in dem die Kultur des Hauses nicht beschädigt wird, sondern reifen kann. Wer Familienunternehmen analytisch ernst nimmt, muss diese Leistung ernster nehmen, als es in der populären Debatte üblich ist. Denn die Häuser, die nach vier, fünf oder sechs Generationen noch stehen, tun das fast nie, weil ihr Gründer besonders genial war. Sie tun es, weil ihre zweite Generation die richtige Arbeit zur richtigen Zeit geleistet hat. Das ist die zentrale Einsicht, die sich aus dem Kapitel ergibt, und sie hat Konsequenzen für jede Familie, die heute vor der Übergabe steht: Nicht die Gründung entscheidet über den Langzeitbestand, sondern die Ordnung, die auf sie folgt. Wer die zweite Generation darauf vorbereitet, bewahrt die Substanz. Wer sie allein lässt oder als reine Erbin behandelt, riskiert, dass im Namen der väterlichen Tradition genau jene Arbeit verweigert wird, die das Werk des Vaters überhaupt erst in die Zeit tragen könnte.

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Author: Dr. Raphael Nagel (LL.M.). Biografie